14. Oktober 2013Zweiter Ostdeutscher Journalistentag

Der Osten leuchtet

Karola Wille (MDR-Intendantin, links) und Ine Dippmann (Vorsitzende DJV-Sachsen) beim Zweiten Ostdeutschen Journalistentag in Leipzig. Foto: Bernd Lammel

Rund 200 Gäste warem beim Zweiten ODJT. Foto: Bernd Lammel

Die "Spitze Ecke" beim MDR. Foto: Bernd Lammel

Prof. Dr. Verena Renneberg von der Hochschule für Medienkommunikation und Wirtschaft Berlin sprach über den Einstieg in die Freiberuflichkeit nach einem Volontariat. Foto: Bernd Lammel

Interessierte (Nachwuchs-) Journalistinnen und Journalisten. Foto: Bernd Lammel

Moderator Andreas Postel (Mitte) bei der Vorabenddiskussionsrunde über die Verantwortung des NSU-Prozesses im Gespräch mit Dorothea Marx (SPD, Vorsitzende NSU-Untersuchungsausschuss Thüringen) und Patrick Schreiber (CDU, Vorsitzender NSU-Untersuchungsausschuss Sachsen). Foto: Simone Ahrend/sah-photo

Bernd Lammel (links), Vorsitzender DJV Berlin, hört Ine Dippmann zu, Vorsitzende DJV Sachsen. Foto: Simone Ahrend/sah-photo

Ine Dippmann. Foto: Simone Ahrend/sah-photo

Ralf Geißler (rechts) spricht mit Dr. Sven Oelsner (Thüringer Blogzentrale) und Bettina Schellong-Lammel (Nitro-Magazin) über die Zukunft des Journalismus. Foto: Simone Ahrend/sah-photo

DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken (vorne links), DJV Berlin-Geschäftsführer André Gählert (vorne rechts), MDR-Intendantin Karola Wille und Ralf Leifer, Geschäftsführer DJV Thüringen. Foto: Simone Ahrend/sah-photo

Fernsehsprecherin und Sprechtrainerin bei ARD/MDR Brigitte Trübenbach bei ihrem Kurs "Mit dem Körper sprechen". Foto: Simone Ahrend/sah-photo

Ulrich Meyer (Mitte) in der Diskussionsrunde "Journalismus - Traumberuf oder brotlose Kunst" mit (von links) Sergej Lochthofen (Ex-Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen), Annette Rogalla (PR-Beraterin), Reinhard Mohr (freier Journalist), Christoph Koch (freier Journalist), Carola Dorner (freie Journalistin, hinter Fritsch) und Alexander Fritsch (Vorsitzender des JVBB) Foto: Bernd Lammel


Am 12. Oktober 2013 haben sich in Leipzig Journalisten zum Zweiten Ostdeutschen Journalistentag getroffen.

Eigentlich ging es um ein anderes Thema, nämlich um die Leistungen von Schülern im Pisa-Test, doch die DJV-Sachen-Vorsitzende Ine Dipmann war trotzdem über die Titelzeile der Frankfurter Allgemeinen Zeitung begeistert: "Der Osten leuchtet" stand da. Ein schönes Motto auch für den Zweiten Ostdeutschen Journalistentag in Leipzig.

Der MDR hatte das oberste Stockwert für den Journalistenkongress zur Verfügung gestellt. MDR-Intendantin Karola Willle begrüßte, dass der DJV bei "der starken Stimme des Ostens" zu Gast ist. Rund 200 Gäste waren vor Ort. Der DJV Bundesvorsitzende Michael Konken freute sich, "dass der Ostdeutsche Journalistentag nun schon zum zweiten Mal stattfinden kann und sich damit langsam etabliert". Sein ausdrücklicher Dank gilt den beteiligten DJV-Landesverbänden in Sachsen und Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Berlin für ihr Engagement.

Am Vorabend wurde über die journalistische Verantwortung des NSU-Prozesses gesprochen. Am Samstag startete stern-Journalist Holger Witzel mit einem satirischen Auftakt, gefolgt von beispielsweise "Datenjournalismus für Einsteiger", "Präsentieren mit Prezi" und "Honorare sind verhandelbar". Zum Schluss belebte Ulrich Meyer noch einmal seine Sendung "Einspruch" und sprach mit seine Gästen über das Thema "Journalismus: Traumberuf oder brotlose Kunst".

Auf dem Foto: MDR-Intendantin Karola Wille (links) mit DJV-Sachsen-Vorsitzende Ine Dippmann. Foto: Bernd Lammel. Weitere Bilder Bernd Lammel & Simone Ahrend. Für Bildunterschriften Foto mit Klick in Bildmitte vergrößern.

 

17. November 2013Zweiter Ostdeutscher Journalistentag

„Nichts hat sich durch den NSU-Prozess geändert"

Schreiber, Postel und Marx (von links). Foto: Simone Ahrend, sah-photo.

Ist die Presse nach dem NSU-Terror sensibler, was die Berichterstattung über Rechtsextremismus betrifft? Auf der Vorabend-Diskussionsrunde des Zweiten Ostdeutschen Journalistentages haben darüber Journalisten und Politiker gesprochen. Ihr Fazit war nicht sehr positiv.


„Nichts hat sich durch den NSU-Prozess geändert. Auch nicht in der Berichterstattung“. Der freie Journalist Michael Kraske ist skeptisch, dass die Presse wirklich etwas aus dem NSU-Prozess gelernt hat. Kraske war einer von vier Podiumsgästen, die am 11. Oktober 2013, am Vorabend des Zweiten Ostdeutschen Journalistentages in Leipzig über die journalistische Verantwortung rund um den NSU-Prozess diskutierten. Die Moderation in der gut besuchten Alten Handelsbörse führte Andreas Postel.


Kraske glaubt, dass sich die Situation sogar noch verschlimmert hat. „Die Aufmerksamkeitsschwelle für die für rechten Alltagsterror ist noch höher geworden. Ein normaler halbtot Geschlagener ist gar kein Thema mehr, wenn der Fall keinen NSU-Bezug hat.“ Der Rechtsextremismus-Experte verwies auf einen jungen Fall in Oschatz. Dort sei ein Obdachloser zu Tode getreten worden, doch die Staatsanwaltschaft und Gericht hätten nicht einmal anerkennen wollen, dass der Haupttäter einen rechtsextremen Hintergrund hatte.


Polizisten melden sich bei der taz


taz-Journalist Andreas Speit hingegen erzählte von der Aufstiegsfeier von Eintracht Braunschweig. „Die Polizei dort hatte verschwiegen, dass die Randalierer rechte Schläger waren. Und die Presse vor Ort hat die Polizeiinformationen eins zu eins übernommen.“ Anderseits würden sich engagierte Polizisten mit Hinweisen bei der taz melden, weil sie selber nicht ermitteln könnten. Auch was Autoritätsgläubigkeit gegenüber dem Verfassungsschutz betrifft, sieht Speit die Medien kritisch. Kraske ergänzte: „Der Verfassungsschutz bestätigt einem auch immer nur, was man eh schon weiß. Es sind ein paar Leute dort gegangen, aber die Struktur hat sich nicht verändert.“


Dorothea Marx, SPD, ist über die Hilfe der Presse dankbar. Die Vorsitzende des thüringischen Landtagsuntersuchungsausschusses zum NSU weiß um die Schwierigkeit, Licht ins Dunkel zu bringen. „Man sagt immer, der Geheimdienst und der Verfassungsschutz arbeiten konspirativ, dann darf auch niemand wissen, was die machen.“ Sie wolle nun in Thüringen Vorschläge miterarbeiten, wie man die parlamentarischen Kontrollen verbessert. Die Medien seien in diesem Prozess sehr wichtig.


Patrick Schreiber, CDU, Vorsitzender des Untersuchungsausschusses Neonazistische Terrornetzwerke des Sächsischen Landtages hat nicht immer gute Erfahrungen mit der Presse gemacht, selbst mit namhaften Titeln. So habe man ihn mit den Worten zitiert, dass er aus dem NSU-Prozess gelernt habe, das Rechtsextremisten genauso schlimm seien wie Linksextremen. Das habe er jedoch nie gesagt, beteuert Schreiber. Er habe gesagt: „Bisher war es so, dass auf Demos Rechte zumeist Transparente hochhielten und Linke Steine geschmissen haben. Nach der NSU wissen wir, dass dieses nicht mehr gilt.“


Mit diesen Fällen sind auch schon die Pole in der Berichterstattung über Rechtsextremismus festgelegt. Auf der einen Seite, fühlen sich selbst Politiker, die mit der NSU-Aufarbeitung viel Arbeit am Hals haben und gar nicht mehr wissen, wo sie alle Aktenordner hinstellen sollen, von Journalisten verleumdet – ob es nun stimmt oder nicht. Auf der der anderen Seite gibt es nach wie vor ein gravierendes Desinteresse in den Medien.


Bevor mit der NSU alles losging hatte Michael Kraske für den stern ein großes Stück gemacht über „Mein Nachbar, der Neonazi“. Am Ende flog die Story aus dem Blatt – mit dem Argument: „Na, wir hatten da mal vor zwei Jahren so etwas ähnlich.“ Auch als ein Jahr nach dem Überfall auf Inder in Mügeln, diese erneut angegriffen worden waren, hat das keinen mehr interessiert.


16. Oktober 2013Zweiter Ostdeutscher Journalistentag

„Die Zukunft ist frei“

Ulrich Meyer (Mitte) mit (von links) Sergej Lochthofen, Annette Rogalla, Reinhard Mohr, Christoph Koch, Carola Dorner (hinter Fritsch) und Alexander Fritsch. Foto: Bernd Lammel

Auf dem Zweiten Ostdeutschen Journalistentag belebte Sat.1-Journalist Ulrich Meyer sein Format "Einspruch!" und ging in einer Diskussionsrunde der Frage nach, ob Journalismus noch ein Traumberuf ist - oder brotlose Kunst.

Die Gäste des Podiums "Journalismus - Traumberuf oder brotlose Kunst" waren sich in einer Sache schnell einig: Dass es durchaus goldene Jahre gegeben hat, in denen Journalisten auch mit ihrem Traumberuf gutes Geld verdienen konnten. Aber auch den jetzigen Zeiten konnten Carola Dorner und Christoph Koch, beides freie Journalisten, einiges abgewinnen.

Es komme bei Aufträgen an auf den Dreiklang von Geld, Spaß und Ehre. Nicht alle kämen immer gleichzeitig vor, aber die Mischung müsse für sich rechnen, so Dorner. Alexander Fritsch, Vorsitzender des JVBB, betonte, dass es wie in anderen Berufen auch, nicht allein darum gehe, den ganzen Tag Spaß zu haben.

Die PR sei für viele, die realistischere Perspektive, meinte die PR-Beraterin und langjährige Redakteurin Annette Rogalla. Es sei durchaus eine reizvolle Aufgabe eine Pressestelle aufzubauen, nicht nur aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten.

Skeptisch blickten der ehemalige Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, Sergej Lochthofen, und Reinhard Mohr, freier Journalist, in Bezug auf den Qualitätsjournalismus in die Zukunft: „Man kann Jungen Leuten kaum noch empfehlen, in den Journalismus zu gehen,“ sagten sie. „Die Zukunft ist frei“, war hingegen Dorner überzeugt. Das sei nicht einfach, aber es biete die Chance, seine eigene Nische zu finden. (Astrid Sonja Fischer)

18. Oktober 2013Zweiter Ostdeutscher Journalistentag

"Mitleid zieht bei Honorarverhandlungen nicht"

Bernd Lammel. Foto: DJV Berlin

Der Vorsitzende des DJV Berlin erklärt beim Zweiten Ostdeutschen Journalistentag in Leipzig, wie man als Selbstständiger in der Medienbanche wirtschaftlich erfolgreich arbeitet. Und was man auf gar keinen Fall machen darf.

Für Mutti kann man umsonst arbeiten. In allen anderen Fällen sollte man in der Regel nein sagen. Jessica Hische, eine junge Typografin und Illustratorin aus Brooklyn, New York, hat 2011 eine Frage-Antwort-Übersicht entworfen, auf der man diverse Szenarien ausprobieren kann. Zusammengefasst gesagt sollte man sich vor allem hüten, dass einem kein Geld einbringt, selbst, wenn die Arbeit für einen guten Zweck ist. Denn arbeiten die Leute dort und alle anderen Beteiligten auch umsonst? Kaum. Bernd Lammel, Vorsitzender des DJV Berlin, griff dieses Beispiel auf bei seinem Vortrag „Honorare richtig verhandeln“ auf dem Zweiten Ostdeutschen Journalistentag in Leipzig. Begleitet wurde Lammels Auftritt von zwei Improvisationskünstlern, doch dazu später.

Zuerst einmal zählte Lammel Selbstverständlichkeiten des professionellen, selbstständigen Arbeitens auf. Dazu gehört unter anderem eine klare Absprache bei Aufträgen (Umfang, Honorar etc.) bevor man anfängt, aber auch eine professionelle Abwicklung (Auftragsbestätigung, Lieferschein, Rechnung, ggf. Mahnung) und Präsenz im Netz. Außerdem sollte man wissen, was Mitbewerber für Honorare bekommen und durchrechnen, was man zumindest umsetzen muss, um langfristig wirtschaftlich gut aufgestellt zu sein. „Man muss immer wieder neu seine Leistung einschätzen. Und damit auch seine Honorare“, sagte Lammel.


Wenn man es beim ersten Mal verpatzt hat, ist es vorbei“


Wichtig sei es, seine Alleinstellungsmerkmale zu kennen und zu betonen, um zu wissen, wo es Nischen gibt. „Wenn ein Redakteur nicht die Stärken von einem kennt, kann er einen auch nicht zielgerichtet beauftragen. Die entscheidende Frage sei: Werde die eigene journalistische Leistung in Redaktionen gebraucht? „Beobachten Sie genau, wo Sie Ihren Auftraggeber entlasten können. Eine Ware, die niemand braucht, kann man auch nicht verkaufen. Bieten Sie auch Technologien an, die Mitbewerber nicht im Portfolio haben.“


Besonders heikel seien Honorarverhandlungen, so Lammel. „Wenn man es beim ersten Mal verpatzt hat, ist es vorbei. Man muss ein harter Hund sein. Mir ist das zehn Jahre lang schwergefallen.“ Doch ein zögerliches Auftreten und herantasten sei gefährlich. „Wenn der Auftraggeber weiß, dass man unbedingt veröffentlicht werden möchte, zahlt er vielleicht nur den halben Preis.“ Man könne aber mit dem Honorar entgegenkommen, wenn beispielsweise mehrere konkrete Aufträge vereinbart würden – schriftlich natürlich, vage mündliche Zusicherungen möglicher Aufträge seien nichts Wert. Eine große Mahnung gibt Lammel noch mit auf den Weg: „Zetteln Sie keine Diskussion über die prekäre Situation des Journalismus ein. Mitleid zieht nicht. Sie nerven nur und bekommen gar keine Aufträge mehr.“


Begleitet wurde Lammel bei dem Vortrag von den Improvisationskünstlern Andreas Grasse und Tobias Großmann. In drei kurzen Theaterszenen über Lammels Rede verteilt spielten sie den Weg ins erfolgreiche Freiberuflertum durch. Es beginnt mit einer Büroszene. Moritz, so hieß die Figur, ist unzufrieden mit seinem Redakteursjob. Er möchte große Reportagen schreiben, sich verwirklichen. In der nächsten Szene arbeitet Moritz nun als Freier und wirtschaftlich am Abgrund, froh über jede 40 Euro, die er verdienen kann (hier die Youtube-Videoszene). Zum Schluss hat er sich mit anderen Leuten zusammengetan und ein Pressebüro gegründet. Er bietet nun Unternehmen Presse-Leistungen im Paket an und kann Aufträge in ganz anderer Größenordnung stemmen (zweite Szene).

Das Beispiel zeigt aber auch, dass man sich Gedanken machen sollte, ob und inwieweit Arbeit für Unternehmen die freie journalistische Tätigkeit ergänzen kann (oder wirtschaftlich notwendig ist) und inwieweit sie mit ihr vereinbar ist. (Jan Söfjer)


16. Oktober 2013 | Leipzig
Eindrücke vom Zweiten Ostdeutschen Journalistentag